Rapunzelwald

Heute Morgen habe ich mir selber gratuliert. Nicht bei einem Glas Sekt, den gibt es noch in dieser Woche. Ganz schlicht und einfach, im Morgenmantel bei einer Tasse heißem Kaffee. „Mädchen, du bist heute tatsächlich genau 10 Jahre für die Firma Weight Watchers tätig.“, waren fast meine ersten Gedanken nach dem Aufstehen. Die allerersten galten meinem Töchterchen, das geweckt wurde. Noch ganz verschlafen ist sie immer ganz dankbar, wenn ich sie vom Bett zu ihrem Stuhl trage, ihr das Müsli und die Milch einfülle, den Löffel bereit lege und ein Glas Wasser einschenke. Vorher muss ich im Wohnzimmer noch die Wolldecke holen und sie um die Schultern meiner kleinen Prinzessin legen. Ein Ritual, dass sich Morgen für Morgen wiederholt. Und wenn ich ein ganzes Wochenende nicht zu Hause war, dann bereitet es mir umso mehr Freude.

Wie immer stauen sich alle Termine vor dem Urlaub, und ich bin jedes Jahr erneut genervt von diesem Druck, noch so viel zu erledigen zu müssen, bevor es dann endlich in den Süden geht. In meinen neuen Terminplaner schreibe ich mit Großbuchstaben in den Juli: KEINE TERMINE rein. Mal sehen wie es nächstes Jahr um diese Zeit aussieht.

Komme gerade von einer Frauenfreizeit aus dem tiefsten Rapunzelwald. Weder Internet noch Handynetz, ich war dankbar für fließendes Wasser und Strom. Ein paar Frauen verbringen dort schon seit 20 Jahren jedes Jahr ein Wochenende zum Entspannen und Auftanken. Aber so etwas habe ich das letzte mal selbst vor 20 Jahren erlebt, nämlich bei der letzten Jungendfreizeit. Ich war selbst sehr gespannt und kann im Nachhinein sagen, dass es ein sehr bereicherndes und vor allen Dingen lustiges Wochenende war. Ich habe viele neue nette Frauen kennengelernt, zu meinen eigenen Vorträgen kann ich ganz schlecht selbst etwas schreiben. Aber neben dem geistlichen Teil hatten wir viel Spaß bei Stadt, Land, Fluss, Theater und Spielen, bei dem frau auf dem Boden kniet und Schuhe im Takt an seine Nebenfrau weitergibt. Der Höhepunkt war glaube ich ein Messer und eine Gabel, die eigentlich Hund und Katze waren, aber bei dem die Konzentration zu später Stunde doch so nachließ, dass es beim Spiel das Chaos und Durcheinander schlechthin gab, und man sich entscheiden musste ob man vor Lachen auf dem Boden liegt, oder einfach nur genervt ist. Das war fast so, als wären wir alle wieder Kinder, und ein Gefühl der Leichtigkeit stellte sich mitunter ein.

Wieder zu Hause angekommen war ich doch froh, meine Lieben wieder um mich zu haben und starte mit voller Konzentration in die Woche. Morgen und Übermorgen feiere ich mit meinen 3 Treffen mein Zehnjähriges, dafür muss ich heute noch den Sekt kalt stellen und eine kleine Chronik zusammenfassen. Habe schon ausgerechnet, wie viele Kilos meine Teilnehmer in den 10 Jahren abgenommen haben.

Jonathan beginnt heute sein Schülerpraktikum als Koch in unserem Lieblingsrestaurant, ich hoffe, dass Vlado und ich es schaffen, ihn dort abends mal zu besuchen und uns vielleicht von ihm etwas kochen zu lassen. Manuel hat seinen Realschulabschluss gut geschafft, jetzt steht noch die Entlassfeier an. Letzte Woche war ich beim ersten Elternabend der zukünftigen ersten Klasse von Joana, da wird mir schon ein wenig mulmig. Das erinnert mich alles so sehr an Julian, und ich hoffe, dass wir das einigermaßen emotionslos überstehen.

hm

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